INTERNATIONALES SOMMERFESTIVAL 2026

Liebe Gäste,

»Ich möchte, dass wir uns fragen, wer von unserer Hoffnungslosigkeit profitiert, und dass wir unseren Unterdrückern die Genugtuung unseres Schmerzes verweigern«, schrieb adrienne maree brown. Die US-amerikanische Aktivistin und Autorin fordert dazu auf, sich im Angesicht aller Katastrophen nicht zu ergeben, sondern aktiv zu bleiben, und zwar mit Lust und Freude. Diese sind für brown kein Luxus, sondern die Grundlage für politische Widerstandsbewegungen und Revolutionen. Wenn die dann noch so unwiderstehlich sind wie in unserer Eröffnungsproduktion IRRESISTIBLE REVOLUTION von Ayelen Parolin, die browns Gedanken mit argentinischem Karneval und Protest-Choreografien verknüpft, sind wir der Zukunft – auch im Tanz – schon ein Stück näher. Und auch in der zweiten Produktion in der großen Halle, APRÈS MOI, LE DÉLUGE (NACH MIR, DIE SINTFLUT, vom französischen Sommerfestival All-Time-Favorite-Trio (LA)HORDE und dem Ballet national de Marseille, geht es um eine Welt am Abgrund und den Kampf um eine bessere Alternative. Wie der Mensch, gerade im Augenblick der größten Katastrophe, für das Leben kämpft (und dabei auch noch den Humor nicht verliert), verdeutlichen außerdem zwei weitere Arbeiten: Jacob Jonas, Choreograf aus Los Angeles mit Popstar-Karriere (siehe Rosalía-Referenzen), zeigt als Weltpremiere eine hyperintensive Physical Dance-Trilogie über seine eigene Krebserkrankung und den RESTART danach; Melanie Jame Wolf wiederum gelingt das Bühnenkunststück, aus der eigenen Brustkrebserkrankung einen Comedy-Abend inklusive Shakespeare-Texten zum Tränen lachen und weinen zu machen.

hope! steht auch auf diesem Programmheft, von unserem Grafik-Duo Hanna Osen und Laurens Bauer aus dem Programm destilliert und mit Ausrufezeichen versehen, quasi eine Aufforderung zum Handeln. »Radical Hope« hat der Philosoph Jonathan Lear das beharrliche Hinarbeiten auf eine Zukunft trotz Gegenwarts-Doom genannt: Radikales Hoffen heißt, sich dem Horror der Gegenwart mit Hoffnung zu stellen. Das geht besonders gut, wenn der Horror so gut gemacht ist wie in BURNT TOAST von der norwegischen Triggerwarnungstheatertruppe Susie Wang. Auch hier kommt in einem der vampirhaftesten Augenblicke der jüngeren Theatergeschichte ein sehr kleines Wesen zum Vorschein – natürlich mit dem Namen »Hope«! Den Klassiker der Hoffnungstheorie hat der Philosoph Ernst Bloch mit »Das Prinzip Hoffnung« im US-amerikanischen Exil während des Nazi-Terrors geschrieben. Auch bei ihm ist Hoffen ein aktiver, kämpferischer Akt und verweist auf das radikal Neue, das in der Zukunft möglich ist. Bloch hätte seine Freude gehabt an Ania Nowaks FUTURE TONGUEXXX, das sich mit Sprache und Körpern der Zukunft beschäftigt.

Wie wiederum die Zukunft eines vielfach missverstandenen Körperorgans aussehen könnte, zeigen sowohl der Autor Evan Hugo Tepest in seinem neuen Buch »Sind Penisse real?« ( eine von sechs kostenlosen Lesungen auf der Waldbühne im Avant-Garten), als auch der feministische Nachtclub DICKS von Sibylle Peters und dem Heteraclub auf dem Kiez, diesmal auch für interessierte Schwanzträger*innen – inklusive Nacktputzen als Fluchtweg aus toxischer Männlichkeit. Denn: »Not everything that is faced can be changed, but nothing can be changed until it is faced”, sagte James Baldwin. Das gilt natürlich vor allem für den politischen Aktivismus, mit dem etwa Julija Nawalnaja den Freiheitskampf ihres getöteten Mannes weiterführt und dafür einen Blick in die jüngere Vergangenheit Russlands wirft.

Dass der Weg in die Zukunft oft durch die Vergangenheit führt, zeigt sehr beeindruckend die Philosophin Rebecca Solnit in ihrem Buch »Hope in the Dark«. Sie schreibt, dass Hoffnung zwar die Zukunft betreffe, ihre Grundlage jedoch in den Aufzeichnungen und Erinnerungen der Vergangenheit liege und zitiert George Orwell: »Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit«. Deswegen gehört auch der kritische Blick in die Geschichte zum Wesen der Übermorgenkunst dieses Festivals. Pankaj Tiwari etwa beleuchtet, wie die nachhaltige Landwirtschaft seiner Kindheit in Indien durch die Globalisierung zerstört wurde; Camissa Create und Liz Rech zeigen den Baakenhafen, wo bald neu geopert werden soll, als kolonialen Erinnerungsort (eine von zwei Kooperationen mit der Stadtkuratorin Joanna Warsza); Adam Seid Tahir findet aus Schwarzer, queerer Perspektive utopisches Potential in alten nordischen Mythen; Eszter Salamon zeigt ein feministisches Farbspektakel in Erinnerung an die antifaschistische Künstlerin Valeska Gert; und Joana Tischkau inszeniert mit Jeremy Nedd, Sophie Yukiko und der kubanischen Malpaso Dance Company ein Stück über das legendäre Tropicana-Revuetheater und touristische Bilder.

Um die Zukunft des Tourismus (und die Vergangenheit der Schifffahrt) geht es dann im Stück DAS SCHIFF der Sommerfestival-Stars Nesterval auf der MS Stubnitz im Hafen. Und zu den aufregendsten (und manchmal schlimmsten) Sehnsuchtsorten des modernen Tourismus führt uns der Schweizer Jonas Meier in seinem Film SOCIAL LANDSCAPES (einem von sechs Festival-Kinofilmen im Alabama Kino) mit Musik von Tobias Preisig und Stefan Rusconi. Die beiden stellen dann auch ihr neues Album als Duo LEVITATION am Ort des Entstehens vor, der St. Gertrud Kirche, wo eine kleine Sommerfestival-Reihe Kontakt zu höheren Sphären der Hoffnung bietet und unter anderem auch Bonnie ‘Prince’ Billy spielen wird. Der Jahrhundert-Songwriter singt auf seinem neuen Album: »Broken and bleeding, bruised and accosted / We wonder if there’s hope of winning / And then hope of sleeping, we are so exhausted / And then hope of something beginning.” Blutend am Boden die Hoffnung nicht aufgeben, dass etwas Neues entstehen kann. So wie auch der französische Schauspielstar Vimala Pons in einer Tour-de-Schauspiel-Force von zwei Windkanonen über die Bühne und durch 300 emotionale Zustände geschleudert wird – und mit immer größerer Kraft weiterspielt.

Der Realität ins Gesicht schauen und nicht aufgeben, sondern gerade deswegen weiter machen: In der Kunst hat das kaum jemand so prominent getan wie Nan Goldin, deren THE BALLAD OF SEXUAL DEPENDENCY wir während des gesamten Festivals in Kooperation mit der Hamburger Kunsthalle zeigen — zusätzlich zu einer Performance-Reihe dort mit Arbeiten von Saâdane Afif und Xavier Le Roy. Alle sechs großen Ausstellungshäuser der Kunstmeile Hamburg bespielt dann Raja Feather Kelly mit seinem Stück DOOMERS über das unendliche Scrollen durch negative News im Netz, und im MARKK zeigt Cem A. ein Performance-Duell zur Wissensproduktion.

»Hope in the Dark« zu finden (um nochmal Rebecca Solnits Buchtitel zu zitieren), das schafft die Kunst mit Blick auf die Zukunft. Diese wird auf der ehemaligen Kranfabrik Kampnagel erstmal von Kränen bestimmt: Direkt nach dem Sommerfestival beginnt die Sanierung der Hallen – und für diesen Übergang zu etwas Neuem gibt es natürlich eine große Gala, inszeniert von Christoph Marthaler mit den Symphonikern Hamburg unter Leitung von Sylvain Cambreling. Die Gala als Blick zurück und nach vorne, denn die Geschichte der Avantgarde geht selbstverständlich weiter, auch mit den Konzerten des legendären brasilianischen Musikers Arthur Verocai oder den jung gebliebenen Krautrock-Vorreitern FaUSt – zwei von über 30 Partys und Konzerten dieses Festivals, das mit Rio de Janeiros Rising Star Ana Frango Elétrico beginnt. Wer mit uns auf die alten neuen Zeiten anstoßen will, kann das am besten vor oder nach (na gut, auch: während) der Vorstellungen im Avant-Garten machen — dem hoffnungsvollsten Ort, seit es Festivalvergnügungsparks gibt, mit täglichem Programm auf der Waldbühne, im Migrantpolitan oder von den Festival-everneon-greens JAJAJA. Das war nach 7972 Zeichen noch lange nicht alles. Lesen Sie das Programm, die Zukunft wird kommen — und findet vor allem auch wegen einer Reihe an unermüdlichen Förderern und Unterstützern statt: Danke! Die Hoffnung stirbt nie.

Bis gleich,

András Siebold & Das Sommerfestival-Team

Tanz & Performance


Tanz

(LA) HORDE & Ballet National de Marseille

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Archiv

Après moi, le déluge


12.08. - 15.08.2026

Das neuste Bühnenspektakel der Choreografie-Stars aus Frankreich, die den Tanz als Kunstform weiterentwickelt und für eine neue Generation geöffnet haben.


Tanz

Jacob Jonas The Company

Nature Sounds Joshua B Geyer 13
Archiv

KEEPING SCORE: Product of Divorce / Nature Sounds While the IV Drips / Restart


13.08. - 15.08.2026

Tanz-Trilogie des Superstar-Choreografen Jacob Jonas über Kindheit, Krankheit und Heilung – hochmusikalisch und mit großem Tanzensembles.


Performance

Liz Rech / Camissa Create

Johann Friedrich Bubendey Der Hafen von Hamburg Hamburg 1912 Lithografie Fragment Staats und Universitätsbibliothek Hamburg Public Domain Mark 1 0 Universal

(NOT A) COMMON GROUND / IF THE BONES COULD SPEAK


13.08. - 16.08.2026

Dieses Projekt lädt das Publikum in performativen Walks dazu ein, sich mit dem kolonialen Erbe des Baakenhafens auseinanderzusetzen.


Performance

Pankaj Tiwari

20260707 photos studio pramudiya NPI PANKAJ TIWARI The Harvest of Broken Promises CAMPO Gent 021

The Harvest of Broken Promises


14.08. - 16.08.2026

Weltpremiere über Fortschrittsversprechen und den Verlust traditioneller Landwirtschaft, feinfühlig erzählt durch Geschichten von Farmer*innen weltweit.


Bildende Kunst / Performance

Raja Feather Kelly / The Feath3r Theory

WEB Raja Feather Kelly
Archiv

Doomers


15.08.2026

Zum dritten Mal während des Sommerfestivals werden alle sechs Häuser der Kunstmeile Hamburg zur Bühne – in einem ganztägigen Performance-Parcours mit freiem Eintritt!


Performance

Sibylle Peters / Heteraclub

WEB

DICKS


18.08. - 22.08.2026

Ein feministischer Nachtclub auf dem Kiez für alle, die bei Eierlikör und Anekdoten ihr Verhältnis zu Kunst, Sexarbeit und einem vielfach missverstandenen Organ vertiefen wollen.


Performance

Ania Nowak

WEB

FUTURE TONGUEXXX


20.08. - 23.08.2026

Futuristisch-queerfeministisches Sommerfestivaldebüt über den Einfluss von Algorithmen und KI auf unsere intimsten Beziehungen und das utopische Potenzial von Körpern und Sprache.


Performance

Melanie Jame Wolf

Finite Jest Mayra Wallraff 110

Finite Jest


20.08. - 22.08.2026

Eine hinreißende Solo-Performance über Komik, Tragik und Tod – ebenso unterhaltsam wie tiefgründig.

Theater

Konzerte & Partys


Musik

Mary Lattimore

Porträtfoto von Mary Lattimore mit schulterlangen blonden Haaren und rotem Lippenstift, die den Blick seitlich nach oben richtet. Sie trägt einen schwarzen Cardigan und ein blaues Halstuch mit goldenen Streifen, eine Hand hält das Tuch am Hals.
Archiv

Solo-Konzert


12.08.2026

Götter beruhigen, Imagination befeuern: Mary Lattimore nimmt in der St. Gertrud Kirche Kontakt zu höheren Wesen auf und erweitert mit der Harfe Genres von Pop bis Ambient.


Musik

Witch

Fünf Personen posieren vor üppig grünem Blätterhintergrund. Die Outfits sind farbenfroh und vielfältig.
Archiv

Konzert


12.08.2026

Gitarren, Staub und Rebellion: Die Ikonen des sambischen Zamrock bringen ihren psychedelischen Sound aus den 70ern in den Club.


Musik

Kiss Facility

Zwei Personen in einem dunklen Raum. Die eine Person ist von hinten zu sehen, die andere blickt in die Kamera. Sie hat ein Fell um die Schultern gelegt.
Archiv

Konzert


13.08.2026

Dieses Pariser Genre-Sabotage-Duo bringt arabischen Shoegaze und Dream-pop in den Kampnagel-Club.


Musik

Heavy Feelings Takeover

HEAVY FEELINGS

Party / Line-Up: agajon & Ahmad Mateen aka Ninja Kidsoul, DJ Jada, SMIKI, Parissa Charghi


14.08.2026

Das unabhängige Kölner Musiklabel HEAVY FEELINGS hostet eine Clubnacht mit genreübergreifenden Sounds, innovativen Beats und purer Liebe zur Musik.


Musik

ELM STREET 42 FEAT. VON RIU, DJ SOURCE, ONLYLU, YAMAGUCCI42, DASCHKEY, UNZHA, KVLR

Elmstreet 3
Archiv

Clubnacht


15.08.2026

Die Kreativpartycrowd ELM STREET 42 präsentiert ein Line-up mit einer Hochspannungsmischung aus wilden, sexy und progressiven Club-Sounds.


Musik

Fatoumata Diawara

Fatoumata Diawara steht in einem bunten Outfit in einer tanzenden Körperhaltung vor einer blauen Wand

MASSA


15.08.2026

Westafrikanische Musiktradition verbunden mit genresprengendem Pop im Großen Saal der Elbphilharmonie.


Musik

Grup Yorum

Konzertaufnahme: Ein Sänger im weißen Hemd steht mit erhobenem Arm und Mikrofon im Zentrum einer blauen Bühne, umgeben von einer mehrköpfigen Band mit Drums, Gitarre und weiteren Instrumenten.

Konzert


16.08.2026

Kunst für’s Volk, nicht für die Mächtigen: Grup Yorum bringen den kollektiven Geist des Widerstands in den Club. Her Biji!


Musik

The Cinematic Orchestra

Jason Solo Credit Eddie Alcazar

Konzert


16.08.2026

Die britischen Pioniere kommen nach 10 Jahren zurück nach Hamburg, um live in der Elbphilharmonie ihre musikalische Bandbreite zu zeigen.

Kunst & Installation

Theorie

Growing Grounds auf der Waldbühne

Avant-Garten & Migrantpolitan

Film