Theater, Performance und Tanz in Hamburg - Kampnagel

Decolonize Now

 
  • © Michael Wolke

Kolonialität bezeichnet Prozesse und Strukturen, die in kolonialen Verhältnissen entstehen, sowie das Fortbestehen solcher Machtverhältnisse auch nach dem Ende von kolonialen Verwaltungen. Kolonialität hat bis heute einen starken und gewaltsamen Einfluss nicht nur auf Menschen, ihre ökonomischen, politischen und kulturellen Systeme, sondern auch auf die Umwelt – und zwar sowohl in den ehemaligen Kolonien als auch in den imperialen Zentren ihrer globalen Verflechtungen.

Der Postkolonialismus betrachtet kolonial geprägte Kontexte und zeigt die hinter ihnen liegenden – sich selbst schützenden und reproduzierenden – Machtstrukturen auf. Er macht sichtbar, wie diese durch das Markieren eines konstruierten »Anderen« vermeintlich legitimiert und aufrechterhalten werden. Auch in Deutschland
sind koloniale Verhältnisse allgegenwärtig und hochaktuell. Postkolonialismus entlarvt unsere Gesellschaft, aber auch das Kunstsystem, als ein globales Business, in dem Verbindungen von wirtschaftlichen Faktoren und Fantasien herrschen, die koloniale Machtverhältnisse reproduzieren. Denn selbst wenn durch spezielle Fördertöpfe beispielsweise Kooperation zwischen europäischen und afrikanischen Kunstschaffenden ermöglicht werden, drängen sich Fragen nach der Hoheit über Budgets und Produktionsweisen genauso auf, wie die Frage danach, in welchen Fällen die Kunst als Wegbereiterin, und in welchen als Ablenkung von nötigen realpolitischen Veränderungen wirkt.

Dekolonisierung bezeichnet die aktive Entlarvung und Dekonstruktion kolonialer Verhältnisse und das Verlernen entsprechender Gewohnheiten. Personen, Städte, Körpernormen oder Blicke können ebenso dekolonisiert werden wie ganze Institutionen oder Gesellschaften. Kampnagel befindet sich seit mehreren Jahren – wie viele andere Institutionen – in diesem Prozess der Dekolonisierung. Ein wichtiger Ort in diesem Kontext ist der transnationale Begegnungs- und Aktionsraum Migrantpolitan: ein Raum auf dem Kampnagel-Gelände, aber auch ein Label und eine Medienplattform, eine widerspenstige Institution innerhalb der Institution und ein Freiraum, in dem nicht nur repräsentativen Inhalten zum Thema Migration eine Bühne gegeben wird, sondern auch die Akteur*innen selbst diese Bühne in Anspruch nehmen.

Migrantpolitanismus ist eine Wortschöpfung, die vom Kosmopolitismus ausgeht, den Fokus aber auf Migration und die mit ihr verbundenen ungleich verteilten Privilegien und Hindernisse lenkt. Der Migrantpolitanismus hinterfragt Grenzen jeder Art. Es zeigt uns, dass die globale Mobilität von Körpern, Kapital und Daten miteinander in Zusammenhang stehen. Diese Praxis steht seit dem »Sommer der Migration« 2015 und durch den europaweiten Anstieg reaktionärer rechtspopulistischer Meinungen im Fokus: Der Soziologe Thomas Nail beschreibt in »The Figure of the Migrant« die migrierende als die politische Figur unserer Zeit. Seit vielen Jahren beschäftigen sich deshalb im Migrantpolitan und im weiteren Kampnagel-Programm zahlreiche Künstler*innen und Theoretiker*innen mit dem Themenkomplex Postkolonialismus und Migration.

Dieses Frühjahr geht es in verschiedenen Produktionen und Diskursformaten um den unsichtbar gemachten Widerstand gegen deutsche Kolonialherrschaft und die Verdrängung der eigenen Kolonialgeschichte. Um eine Auflösung der eurozentristischen Idee einer weißen, universellen Menschheits- und Kunstgeschichte. Und um die Manifestation von alltäglichem Rassismus in Deutschland, sei es in der Medizin, der Politik, bei der Wohnungssuche, auf Ämtern und Behörden oder in den Medien. Entgegengesetzt werden diesen Analysen Strategien des Selbst-Empowerments und der Dekolonisierung sowie eine Praxis migrantpolitaner Formen des gemeinsamen Lebens, Feierns und künstlerischen Arbeitens. 


Das Programm


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