Theater, Performance und Tanz in Hamburg - Kampnagel

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Internationales Sommerfestival 2022
Future of Code Politics II:

Technologies of Radical Care – Konferenz Teil 1

 
  • © Clarote
Digital / Rollstuhlgerecht / Theorie
  • In englischer oder spanischer Lautsprache mit Übersetzung in englische & deutsche Lautsprache & Live-Untertitelung in Englisch, Deutsch, Oromo, Luganda & Mixe.
    Die Konferenz ist kostenlos, aber mit Anmeldung via Ticketshop.

  • Sa, 20.08.2022 11:00 [auch Online]
    Kampnagel – P1 Abgesagt

Eine Konferenz zum Verhältnis von neuen Technologien und radikaler Sorge.

In der Pandemie ist die Pflegekrise viel diskutiert worden. Sie steht, mit einer Reihe vieler anderer gesellschaftlicher und ökologischer Systeme, kurz vor dem Kollaps. „Care“, also (Für)Sorge, ist darum zum Schlagwort für viele gesellschaftspolitische Diskussionen geworden. Gleichzeitig wird dem Notstand der Gesundheits- und Sozialsysteme, der Natur und des gesellschaftlichen Zusammenlebens in vielen Fällen mit der Hoffnung auf neue technologische Möglichkeiten begegnet. Solche Technologien werden dabei aber meistens mit dem Ziel entwickelt, Menschen, Umwelt und Gesellschaft effizienter zu gestalten. Mit Algorithmen und Software-Systemen werden Abläufe optimiert und kontrolliert. Häufig wird so ein System von Macht und Abhängigkeiten im Code festgeschrieben. Aber was wäre, wenn wir unsere Gegenwart und Zukunft so gestalten würden, dass stattdessen die Sorge um Mensch und Umwelt im Mittelpunkt steht? An drei Tagen lädt THE FUTURE OF CODE POLITICS II – TECHNOLOGIES OF RADICAL CARE Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und Künstler*innen aus der ganzen Welt ein, um diese Fragen zu diskutieren. Sie entwickeln queerfeministische, dekoloniale und anti-ableistische Perspektiven auf gegenwärtige Technologien der (Für)Sorge – und machen Vorschläge dafür, wie sie in Zukunft aussehen könnten.

Das Programm ist in Zusammenarbeit mit J. Khadijah Abdurahman (We Be Imagining), Gracen Brilmyer (Disability Archives Lab), Lucia Egaña (Musea MAMI), Joana Varon (Coding Rights), Lorena Jaume-Palasí (The Ethical Tech Society) und Lena Kollender (Kuratorin) entstanden. Moderiert wird es von der Journalist*in und Autor*in des Bestsellers „Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist“, Şeyda Kurt.

Das gesamte 3-Tages-Programm im digitalen Programmhelft HIER zum Download.


PROGRAMM Samstag, 20.08.

11:00 - 12:00
A conversation on Justice, Care and Technology

mit Mia Mingus & Lilith Wittmann
Moderation: Şeyda Kurt
Kuration: Lena Kollender, Lorena Jaume-Palasí  

Die Autorin und Community Educator Mia Mingus und die IT-Sicherheitsexpertin und Aktivistin Lilith Wittmann eröffnen den zweiten Konferenztag mit einem Keynote Gespräch. Während der Präsidentschaft von Barack Obama wählte das Weiße Haus Mia Mingus als eine von "fünfzehn asiatisch-amerikanischen, hawaiianischen und pazifischen Frauen als 'Champions of Change' aus, die Außergewöhnliches leisten, um eine sichere, gleichberechtigte und wohlhabende Zukunft für ihre Gemeinschaften und das Land zu schaffen.“ Ihre Schriften zur transformativen Gerechtigkeit haben sowohl die theoretischen als auch die praktischen Debatten um Disability Justice stark beeinflusst und Alternativen zu Gefängnis, Polizei und Strafjustiz vorgeschlagen.
Lilith Wittmann hat durch ihre Forschung über Sicherheitslücken im öffentlichen Sektor und die Entwicklung digitaler Infrastrukturen für das öffentliche Interesse Schlagzeilen gemacht. Sie wurde von der konservativen politischen Partei CDU verklagt, weil sie verantwortungsvoll Sicherheitslücken in der von ihr eingesetzten Software aufdeckte. Der Vorfall löste eine internationale Diskussion über die Sicherheits- und Sorgfaltspflichten politischer Parteien beim Einsatz von Technologien aus. Mit ihrer Initiative Bundesstelle für open data hat sie die Diskussion vorangetrieben, um Regierungsdaten auf einer neuen Ebene zugänglich zu machen. Gemeinsam werden sie Fragen rund um transformative Gerechtigkeit, Fürsorge und Technologie im institutionellen Kontext diskutieren.

13:00 - 14:30
Panel: Blackness, African Indigeneity and Computation

mit Kalundi Serumaga, Ayantu Tibeso & Romi Morrison
Moderation & Kuration: J. Khadijah Abdurahman.

Wie ordnen wir digitale Technologien in die lange Geschichte des Siedlerkolonialismus und der Versklavung, sowohl auf dem afrikanischen Kontinent, als auch in den Vereinigten Staaten oder auf Turtle Island, ein? Was ist ein Schwarzes Raum-Verständnis und wie unterbricht es normative Auffassungen von race und Technologie? Können Klangarchive aus der Schwarzen Diaspora die Art, wie wir über Computertechnik denken, destabilisieren? Der ehemalige Radio-DJ, Journalist und ugandische Wissenschaftler Kalundi Serumaga, die Oromo-Archivarin Ayantu Tibeso und der*die interdisziplinäre Künstler*in und Forscher*in Romi Ron Morrison werden diese Fragen auf der Grundlage Schwarzer feministischer Theorie und afrikanischer indigener Praktiken diskutieren.

15:30 - 17:00
Panel: Lost in Translation I: Extractivism of bodies and
territories
mit Texten von Moira Millán, Paz Peña, Paola Ricaurte & Mariah Rafaela Silva, performt von Kupalua, Yela Quim, Génesis Victoria & Eli Wewentxu
Moderation & Kuration: Lucía Egaña & Joana Varon

Die gängigen digitalen Technologien arbeiten nach der Logik des Extraktivismus: In bestimmten Gebieten mit einer Geschichte kolonialer Enteignung, werden Ressourcen abgebaut, um sie für Technologien zu nutzen, mit denen eine riesige Menge an Daten über unser Leben und unsere Körper gesammelt wird. Allgegenwärtige Überwachung und Datenkolonialismus, Rassismus, Ableismus und Heteronormativität sind eingebettete Werte in der Entwicklung dieser extraktivistischen Technologien. Was aber würde es bedeuten, Technologien zu entwickeln, die sich stattdessen um unseren Körper, unseren Geist und unser Land sorgen? Die in Abya Yala, auch Lateinamerika genannt, ansässigen Denkerinnen Paz Peña, Moira Millan, Paola Ricaurte und Mariah Rafaela Silva haben je einen Text zu diesen Fragen geschrieben. In einem experimentellen Setting, werden diese live auf der Bühne von den Musiker*innen und Performer*innen Yela Quim, Génesis Victoria, Kupalua und Eli Wewentxu in verschiedenen Formaten frei übersetzt und interpretiert – um so die Vorstellungskraft auch jenseits von gesprochenem und geschriebenem Diskurs anzuregen.

18:00 - 19:00
Panel: Documenting Care: Archiving Disability Pasts & Futures

mit Panteha Abareshi, Walela Nehanda & Alice Wong
Moderation: liú méi-zhì chen
Kuration: Gracen Brilmyer

Wie können wir die Erinnerung an crip Erfahrungen mit FürSorge und Pflege für zukünftige Generationen sichern? Für behinderte Menschen kann Pflege liebevoll sein, sie kann gewalttätig sein. In medizinischen Kontexten kann sie zu einer Waffe werden, die Gewalt als „Heilung", „Rehabilitation" und „Normalisierung" maskiert. Aber Pflege in behinderten Räumen kann auch magisch sein, Fürsorge in crip Communities kann ein radikaler Akt der Liebe sein.
Dieses Panel befasst sich mit der vielschichtigen Bedeutung von crip Care mit einem Fokus auf der Frage, wie wir unsere Erfahrungen dokumentieren. Anhand von bildender Kunst, Poesie, mündlichen Erzählungen und anderen Methoden wird sich dieses Panel mit der Frage befassen, wie behinderte Menschen ihre gelebten Erfahrungen mit Fürsorge dokumentieren und wie sie sich unsere gemeinsamen Zukünfte vorstellen.


BIOGRAFIEN

Alice Wong ist eine behinderte Aktivistin, Medienmacherin und Beraterin mit Sitz in San Francisco. Sie ist die Gründerin und Leiterin des Disability Visibility Project, das die Oral History von Menschen mit Behinderung in den USA sammelt. Alice ist u.a. Mitorganisatorin von Initiativen wie DisabledWriters.com, #CripTheVote, oder Access Is Love (zusammen mit Mia Mingus und Sandy Ho), einer Kampagne, die dazu beitragen soll, eine Welt zu schaffen, in der Barrierefreiheit als ein Akt der Liebe und nicht als eine Last oder ein nachträglicher Einfall verstanden wird. Ihre Arbeit wurde in der New York Times, Vox, Teen Vogue, Radiolab, PEN America, Catalyst, Syndicate Network, Uncanny Magazine, Curbed SF, Eater, Bitch Media, Transom, Making Contact Radio und Rooted in Rights veröffentlicht. Über ihren Aktivismus und ihre Arbeit wurde u.a. in der CNN-Serie „United Shades of America”, Huffington Post, The Guardian berichtet. Ihre Memoiren, „Year of the Tiger: An Activist's Life" werden am 6. September 2022 bei Vintage Books erscheinen.

Ayantu Tibeso ist Wissenschaftlerin und setzt sich mit der transnationalen Wissensproduktion der indigenen Oromo und deren archivarischer Auslöschung in der Konstruktion äthiopischer nationaler Narrative auseinander. Sie ist Cota-Robles-Stipendiatin und Doktorandin der Information Studies an der bekannten US Universität UCLA mit Schwerpunkt Archivwissenschaft. Ihr Forschungsinteresse gilt den Überschneidungen von Archiven, historischer Wissensproduktion und indigenen Wissens- und Aufzeichnungssystemen. Ihre Arbeit ist in afrikanischen Kontexten verwurzelt, wobei Äthiopien im Zentrum vieler ihrer Analysen steht. Sie setzt sich leidenschaftlich für die Entkolonialisierung von Wissen und die Aufwertung und Nutzbarmachung indigenen Wissens zum Wohle von Gesellschaften weltweit ein.

Eli Wewentxu ist ein*e nicht-binäre*r Mapuche-Künstler*in, geboren in Wallmapu. Eli studierte Musikperformance am UACH-Konservatorium in Valdivia und nahm Unterricht bei verschiedenen Lehrer*innen in Brasilien, den Niederlanden, Spanien und Deutschland. Eli lebt derzeit als Geiger*in, Komponist*in, Performer*in und Geigenlehrer*in Berlin. Eli erforscht Themen der Identität, des dekolonial-sozialen Widerstands und sucht nach neuen Wegen, Musik mit und aus dem Körper zu schaffen, wobei Eli sich auf eine Kritik des hegemonialen, elitären Bildes der westlichen Geigentechnik konzentriert. Eli ist Teil des Kollektivs Mapuche Mawvn in Berlin.

Génesis Victoria ist ein*e nicht-binäre*r latinx Künstler*in und Forscher*in, geboren in Santiago, Chile (1989) und lebt in Berlin. In interdisziplinären Sound- und Performance-Arbeiten erforscht Génesis experimentell die künstlerischen Möglichkeiten von Verkörperungen im ästhetischen Fluss. In Echtzeitkompositionen schafft Génesis Atmosphären, die Sinne, Klang und Materialität überlagern – um so mit der visuellen Hierarchie zu brechen und verschiedene Formen von Klangwissen und -poetik zu erreichen. In Génesis’ Performances wird das Hören zu einer primären Instanz in der Verbindung mit dem Konzept des Bewohnens. Mit Hilfe verschiedener Medien erforscht Génesis Raumakustik und Klangsensibilität und stellt Fragen zu Identität, Virtualität, Technologien und zeitgenössischen Verkörperungen – und verwendet verschiedene Objekte und digitale Tools, um analoge und digitale Diskurse zu führen. Bachelor in Kunst, Theorie und Kunstgeschichte, Universität von Chile. Masterstudiengang in Sound Studies und Sonic Arts an der Universität der Künste Berlin.

Kalundi Serumaga ist Historiker, Journalist, Filmemacher und Kulturaktivist. Er ist unter anderem Mitherausgeber des New African, eines englischsprachigen monatlichen Nachrichtenmagazins mit Sitz im Vereinigten Königreich. Seine Arbeiten wurden in führenden afrikanischen Literaturzeitschriften wie Kwani? und the africa report veröffentlicht. Zuvor war er künstlerischer und administrativer Direktor des Uganda National Cultural Center (1998-2003). Unter seiner Leitung wurde es als ein Ort des intellektuell-kulturellen Wachstums, der Entkolonialisierung und der Unterhaltung bekannt. Er war einer der kreativen Köpfe hinter sehr beliebten ugandischen Soaps wie „That is Life Mwattu” oder „Entebbe”. Kalundi Serumaga hat außerdem an der Makerere-Universität in Uganda gelehrt. Bekannt wurde er auch als Moderator der Radio One-Talkshow „Spectrum". Nach den Septemberunruhen 2009 wurde Kalundi verhaftet und verfolgt, weil er seine politischen Ansichten öffentlich geäußert hatte. Da er im Exil in Kenia und im Vereinigten Königreich gelebt hat, weiß er auch „das eine oder andere“ über das Leben als Geflüchteter.

Kupalua ist Künstler*in aus Brasilien, der*die sich für die Transdisziplinarität zwischen Performancekunst, Komposition, Stimme und Video interessiert. Kupalua untersucht die Machtdynamik zwischen und innerhalb von Körpern und problematisiert weibliche Verhaltenserwartungen und die Institutionalisierung von menschlichen Beziehungen. Kupalua ist eine körperliche Erfahrung mit Klängen, die aus dem Innersten des Körpers kommen, wie z.B. dem Gebärmutterhals oder dem tiefsten Punkt des Ozeans. Die Klangwellen dringen in den Körper ein und die Stimmen flüstern den Knochen andere Vorstellungen von Dunkelheit, Weiblichkeit, Fremde und Möglichkeiten zu. Kupalua hat u.a. an dem Konzept und dem Soundtrack des Stücks Macaquinhos mitgewirkt, das in Brasilien aufsehenerregend war und u.a auf Kampnagel in Hamburg (2016), in Frankfurt, Brüssel, Wien, Salvador, Cariri und São Paulo gezeigt wurde. Kupalua ist der Name des Musik-Soloprojekts, das in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Athen, Barcelona, Amsterdam, Paris, Heliodora und São Paulo gezeigt wurde.

Lilith Wittmann ist eine Softwareentwicklerin, IT-Sicherheitsexpertin, Aktivistin und selbsternannte „Krawall-Influencerin“ aus Berlin. Lilith beschäftigt sich mit Sicherheitsforschung – in der Regel in staatlicher Infrastruktur – und der Befreiung von Daten. Sie erlangte durch Aufdecken von Sicherheitslücken in der App Luca und der Wahlkampf-App CDU connect größere mediale Aufmerksamkeit; der Bundesgeschäftsführer der CDU stellte im Juli Strafanzeige gegen sie, obwohl ihr Vorgehen sich an dem Konzept der Responsible Disclosure orientierte, eine verantwortungsvolle Art der Offenlegung von Sicherheitslücken. Lilith Wittmann ist Mitglied der Gruppe zerforschung, die unter anderem die Sicherheit von Informationstechnischen Systemen untersucht.

liú méi-zhì chen (they/them) ist ein*e queere*r, trans, nicht-binäre*r, behinderte*r, abolitionistische*r Nerd, die*der von den Inseln Taiwan und Irland abstammt. Derzeit ist liú Leiter*in des Oral History Archive am National Public Housing Museum in Chicago. liú betrachten Geschichtenerzählen und mündliche Überlieferung als Schlüsselstrategien, um Traumata aufzuarbeiten, Verbindungen zu stärken und radikale Veränderungen zu bewirken. liús persönliche Arbeit konzentriert sich auf Antiimperialismus, queer/trans Befreiung, die Heterogenität asiatischer und asiatisch-amerikanischer Identitäten, Schwarz-asiatische Koalitionsbewegungen und die Texturen von Schweigen und Abwesenheit. liús Masterarbeit über asiatische queere Verwandtschaft kann unter www.tidalflats.xyz nachgelesen werden.

Mariah Rafaela Silva ist eine in Brasilien und weltweit anerkannte Aktivistin und Menschenrechtsverteidigerin. Sie forscht zu digitalen Medien, geschlechtsspezifischer Gewalt und Subjektivierungsprozessen. Mariah Rafaela Silva ist derzeit Beauftragte für das Programm für politische Partizipation am Institute on Race, Equality and Human Rights in Brasilien. Sie war Forscherin am Center for Studies on Security and Citizenship (Cesec), bei der NRO Grupo Conexão G de Cidadania LGBT de Favelas, wo sie nach wie vor als Freiwillige bei der Beobachtungsstelle für Gewalt gegenüber LGBT in Favelas tätig ist. Mariah Rafaela Silva hat einen Abschluss in Kunstgeschichte und einen Master in Geschichte, Theorie und Kulturkritik. An der Universidade Nova de Lisboa studierte sie Gender, Migration und Globalisierung. Außerdem war sie Professorin an der Abteilung für Kunstgeschichte und -theorie der Universidad Federal do Rio de Janeiro.

Mia Mingus ist Community Educator und setzt sich für transformative Gerechtigkeit und Disability Justice ein. Im Jahr 2020 gründete sie SOIL: A Transformative Justice Project. Sie setzt sich leidenschaftlich für den Aufbau von Fähigkeiten, Beziehungen und Strukturen ein, die Gewalt und Missbrauch in unseren Gesellschaften transformieren können und sich nicht auf das Strafsystem, in dem wir derzeit leben, stützen oder es wiederholen. Mia Mingus hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem wurde sie 2013 von Präsident Barack Obama als eine der API Women's Champion of Change anerkannt. 2020 wurde sie mit einem Disability Futures Fellowship der Ford Foundation ausgezeichnet. Weitere Informationen finden auf ihrem Blog Leaving Evidence.

Moira Millan: “Ich bin eine Frau, ich bin Mapuche, ich lebe in Puelwillimapu, einem Land, das heute mit europäischem Make-up geschminkt ist und Argentinien heißt. Ich habe mein ganzes Leben dem Kampf um Land, Würde und die Rechte meines Volkes gewidmet. Ich sehe mich selbst durch die Augen meiner Schwestern aus allen indigenen Völkern, die darum kämpfen, ihre Identität an ihre Kinder weiterzugeben und die Kunst des Bewohnens wiederzuerlangen. Im Jahr 2012 begann ich, die Territorien zu durchwandern und mich mit Frauen aus verschiedenen indigenen Völkern in Argentinien zu treffen. Aktionen, die 2015 in der Gründung des Movimiento de Mujeres Indígenas por el Buen Vivir (Bewegung indigener Frauen für ein gutes Leben) mündeten, die 36 indigene Völker vertritt. Im Winter 2019 habe ich meinen ersten Roman „El tren del olvido“ (Der Zug des Vergessens) geschrieben und veröffentlicht, derzeit schreibe ich an meinem zweiten Roman. Seit 20 Jahren setze ich mich für die Rückgewinnung des Territoriums des Dorfes Pillán Mahuiza, Chubut, Puelwillimapu ein. Ich habe keine Posten oder Vergünstigungen angenommen, ich will keine Privilegien. Ich will Rechte für alle. Ich bin die Trägerin vieler kollektiver Träume und möchte sie mit euch allen teilen.”

Panteha Abareshis interdisziplinäre künstlerische Praxis und forschungsbasierte wissenschaftliche Arbeit wurzeln in Pantheas eigener Existenz als kranker, behinderter und gequeerter Körper. Durch installative Skulpturen und Performance-Videoarbeiten untersucht Abareshi kritisch die Nuancen der Objektivierung innerhalb der crip Erfahrung und macht den eigenen behinderten Körper zum Material. Abareshis Praxis experimentiert dabei ständig mit dem Überspielen bzw. dem Übertreiben von Verletzlichkeit, Kontrolle und Zugang – als Mittel, um dem Publikum die eigenen Körper überbewusst zu machen und Zugänglichkeit aktiv als Werkzeug zu nutzen. Abareshi erforscht derzeit behinderte Erotiken und den behinderten Körper als Fetischobjekt. 2021 wurde Abareshi vom Kennedy Center in der VSA Emerging Artists Competition ausgezeichnet. Panteha Abareshis Arbeiten wurden u. a. in New York, London, Frankfurt, Dresden und Los Angeles ausgestellt.

Paola Ricaurte ist außerordentliche Professorin an der Abteilung für Medien und digitale Kultur am Tecnológico de Monterrey in Mexiko-Stadt und Aktivistin für digitale Rechte. Sie war Stipendiatin am Berkman Klein Center for Internet & Society an der Harvard University (2018-2019) und Edmundo O'Gorman Fellow am Institute for Latin American Studies (2018), Columbia University. Ihre Arbeit konzentriert sich auf die kritische Untersuchung digitaler Technologien. Zu ihren Veröffentlichungen gehören „Data Epistemologies, The Coloniality of Power, and Resistance" (2019), “Youth and Digital Culture: Critical Approaches from Latin America" (2018), “Pedagogies for the Open Knowledge Society" (2016), „Challenges to collective action in the post-Snowden era: visions from Latin America" (2015) und „Control societies: techno-surveillance and civic resistance in Mexico" (2014). Sie war die Autorin des „Freedom on the Net report for Mexico" (2017). Zusammen mit Nick Couldry und Ulises Mejías ist sie die Gründerin von Tierra Común einem Netzwerk von Aktivist*innen, Bürger*innen und Wissenschaftler*innen, die an Interventionen zur Dekolonisierung von Daten arbeiten.

Paz Peña ist Aktivistin, die an der Schnittstelle zwischen digitalen Technologien, Feminismus und sozialer Gerechtigkeit arbeitet. Sie ist Mitbegründerin verschiedener Reflection-Action Initiativen, wie der Notmy.ai-Initiative, die einen Rahmen für feministische Reflexion über Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz in Lateinamerika schaffen will, und dem Latin American Institute of Terraforming, einem Raum zum Verständnis der vielfältigen Beziehungen zwischen digitaler Technologie und der Klimakrise. Paz ist außerdem Mitbegründerin von acoso.online, einer umfassenden Ressource für Opfer von geschlechtsspezifischer Online-Gewalt, und ehemalige Direktorin der NGO für digitale Rechte @derechosdigital.

Romi Ron Morrison ist ein*e interdisziplinäre*r Künstler*in und Forscher*in. Romis Arbeit untersucht die persönlichen, politischen, ideologischen und räumlichen Grenzen von race, Ethik und sozialer Infrastruktur innerhalb digitaler Technologien. Mit Hilfe von Karten, Daten, Sound, Performance und Video konzentrieren sich Romis Installationen auf Schwarze diasporische Technologien, die eine zunehmend quantifizierte Welt herausfordern – Land wird zu Eigentum, Menschen zu Zahlen und Wissen zu Daten. Romis Arbeiten und Vorträge wurden in Ausstellungen, Konferenzen und Workshops auf der ganzen Welt präsentiert, darunter die Transmediale, das Tribeca Film Festival, das American Institute of Architects und das Museum of Contemporary Art Chicago. Romis Texte sind in Publikationen von MIT Press, University of California Press, Open Humanities Press und Logic Magazine erschienen. Derzeit ist Romi Annenberg-Stipendiat*in an der School of Cinematic Arts der USC in Los Angeles.

Walela Nehanda ist ein*e Schwarze*r, nicht-binäre*r, behinderte*r, demisexuelle*r, queere*r Kulturarbeiter*in, landesweit bekannte*r Schriftsteller*in und Überlebende*r einer Krebs- und Stammzellentransplantation. Walela entdeckte 2013 im Alter von 19 Jahren die Spoken Word Poetry. Im Laufe der Jahre wurde Walela in verschiedenen Publikationen erwähnt: in der Out 100-Liste für 2020, Teen Vogue, The Guardian, Nylon, Vice i-D, SELF Magazine. Walela hat gelernt, dass ihre Poesie im Dienste der Bewegung stehen muss, um das Bewusstsein zu verändern und Nuancen auf zugängliche Weise zu vermitteln.

Yela Quim ist ausgebildete Soziologin und Rapperin (Singer-Songwriterin). Sie glaubt an die Kunst als Mittel des Kampfes, des Widerstands, des Vergnügens und der Heilung von den Wunden des Krieges und der patriarchalen Gewalt. „Resistimos a la Guerra" ist ihr erstes Album, das „in der unabhängigen südamerikanischen Musikszene Wellen schlug" (remezcla magazine). Das Album ist inspiriert vom Krieg in ihrem Land Kolumbien und eine Kampfansage im Namen feministischer Widerstände. Sie singt und rapt über dekoloniale Diskurse aus dem Lesbofeminismus, dem Fat Activism und dem Kampf für das Recht auf Abtreibung.


CO-KURATION J. Khadijah Abdurahman, Gracen Brilmyer, Lucia Egaña, Joana Varon

KONZEPT & KURATION Lorena Jaume-Palasí, Lena Kollender

PRODUKTION LEAD (Lea Connert, Dana Tucker, Carolina Brinkmann).

GEFÖRDERT DURCH den Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR

IN KOOPERATION mit der Nemetschek Stiftung & der Hans Böckler Stiftung

MIT UNTERSTÜTZUNG VON Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e. V. und dem Goethe Institut.


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Kartentelefon +49 40 270 949-49
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