Theater, Performance und Tanz in Hamburg - Kampnagel

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Theaterakademie Hamburg
Studienprojekt III - Die Kinder der Toten. Elfriede Jelinek:

Begierde und Fahrerlaubnis (Eine Pornographie)

 
  • © Matthias Oertel
Theater & Performance / Rollstuhlgerecht
  • Sa, 29.06.2019 20:30
    Kampnagel – K2
  • So, 30.06.2019 20:30
    Kampnagel – K2

Fünf Regie-Studierende erforschen szenisch den "Kontinent" Jelinek. Eine widerständige, stets gesellschaftlich engagierte, zurückgezogen lebende, sich dem mainstream verweigernde Dichterin, Sprachkünstlerin und ihre Texte bilden Gerüst und Spielfläche für die Studierenden der Hamburger Theaterakademie, für Bühnenbildner*innen der HfBK und Kostümbildner*innen der HAW. Vor allem natürlich für die Schauspieler*innen, die Texten und Gedanken Gestalt und Stimme geben. Jelinek, seit Jahrzehnten sprachmächtigste Zeit- Genossin, Mahnerin und Spielerin im Grand Guignol der an Vergangenem leidenden Gegenwart wird Impulsgeberin einer Recherche zu den Toten der Gesellschaft und ihren Zombiekindern.

BEGIERDE UND FAHRERLAUBNIS (EINE PORNOGRAPHIE)

Im Jahre 1986 schreibt Elfriede Jelinek Begierde und Fahrerlaubnis, einen Porno. 1989 schreibt sie den Roman Lust, einen Anti-Porno. 2019 schreiben wir uns in Jelineks Porno ein.

Jetzt geht’s los: Wir wollen über unsere Ufer treten in sagen wir einer halben Stunde von jetzt ab. Wir gehen bis zur Präsidentin in die Ersatzzentrale, an die Schallhebel unserer Gier.[1]

Plötzlich schäumt es und Elfriede Jelinek platzt im Vampirkostüm mittels Zeitmaschine direkt aus den 80ern in unsere Probe hinein. Wir fragen sie: „Wie hältst du es denn eigentlich mit der Pornographie (Gretchen-Frage)? Können wir als Frauen*-Kollektiv eine Sprache für Lust und Begehren finden oder hängen wir fest im männlichen Blick auf unsere Körper?“

Elfriede antwortet: „Nein, könnt ihr nicht, denn ‚Sexualität ist Gewalt. (…) Genussfähigkeit von einer weiblichen Seite her aufzuräumen (…) muss misslingen, einfach weil es ja diese weibliche Sprache für Sexualität nicht gibt. (…) Es funktioniert nicht, denn die Frau ist nicht das Subjekt der Begierde, sondern immer das Objekt. Und deshalb müssen sich die Frauen, im Leben wie in der Literatur, letztlich immer an der männlichen Ästhetik orientieren. Ich aber wollte die Frau nicht nur zeigen als eine, die nicht Subjekt der Begierde ist, sondern als eine, die scheitern muss, wenn sie sich zum Subjekt der Begierde macht. Weil sie durch ihre Initiative sozusagen die Begierde des Mannes auslöscht.‘[2]

Aber Elfriede, wen meinst du überhaupt mit Frauen? Heterosexuelle, weiße, gutausgebildete Frauen? Sind wir das? Wen schließt das aus? Haben wir nicht alle verschiedene Erfahrungen?

Begierde und Fahrerlaubnis schmeißt uns ins Wechselbad der Gefühle: Wir sind sauer auf den Text, weil er uns Worte in den Mund legt, die wir glauben nicht mehr sagen zu müssen und dann stehen wir da und sollen sagen, was wir wollen, ohne einen Standardsatz hinzubröseln und eine hohe Stimme zu machen oder nett zu lächeln und merken: Das haben wir nicht geübt.

Ich, eine inzwischen Ausgewachsene, bete Sie an, ich wirke lächerlich dabei, was ich
längst gewohnt bin.

Und dann fragen wir uns – lustvoll und verschämt – wie halten wir es denn mit der Pornographie?

 

[1] Jelinek, Elfriede: Begierde und Fahrerlaubnis (Eine Pornographie). Reinbek, Rowohlt Verlag. 1986.
[2] Schwarzer, Alice: Liebe Elfriede! (https://www.emma.de/artikel/interview-jelinek-333537 zuletzt aufgerufen: 20.05.19).

 

Alle Studienprojekte

28.06. + 01.07. / 19:00: Rechnitz (Der Würgeengel)
28.06. / 20:30 + 01.07. / 22:00: Winterreise
28.06. / 22:00 + 01.07. / 20:30: Schatten (Eurydike sagt)
29.06. + 30.06. / 19:00: Schatten (Eurydike sagt)
29.06. +.30.06. / 20:30: Begierde und Fahrerlaubnis (Eine Pornographie)


  • Aufführungsrechte: Rowohlt Theaterverlag
  • Regie: Dominique Enz
  • Idee: Enz/Kühnhold
  • Bühne: Eva Lillian Wagner
  • Kostüme: Lola Carola Schmid
  • Dramaturgie: Finnja Denkewitz
  • Sound: Thekla Molnar
  • Produktionsleitung: Nora Becker
  • Kostümassistenz: Theresa Bahmann, Esther von der Decken
  • Schauspieler/ -in: Nora Kühnhold, Thordis M. Meyer & Martina Schliessler

Dank den betreuenden Dozierenden Alia Luque, Dorothea Ratzel, Sybille Meier & Eva-Maria Voigtländer. 

Studienprojekt III Regie Schauspiel und Dramaturgie der Theaterakademie Hamburg, Hochschule für Musik und Theater, in Kooperation mit der Bühnenraumklasse der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg (HfBK), den Fachbereichen Gestaltung/ Kostümdesign der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) und Kampnagel.


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