Theater, Performance und Tanz in Hamburg - Kampnagel

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Hamburger Choreograf*innen im Alabama Kino:
Patricia Carolin Mai, Ursina Tossi, Josep Caballero García, Antje Pfundtner in Gesellschaft, Jenny Beyer

 
  • Ursina Tossi: REVENANTS
    © Sinje Hasheider
  • Patricia Carolin Mai: WAHN
    © Britta Lübke
  • Josep Caballero García: WHO’S AFRAID OF RAIMUNDA
    © Dajana Lothert
  • Antje Pfundtner in Gesellschaft: WE CALL IT A HOUSE
    © Simone Scardovelli
  • Jenny Beyer: DEUX
    © Thies Rätzke
Film
  • Sa, 25.09.2021 ab 13:30
    Alabama Kino
  • So, 26.09.2021 ab 13:30
    Alabama Kino

Zum Beginn der Spielzeit 2021/22 starten Hamburger Choreograf*innen eine Initiative mit dem Alabama Kino und holen die Begegnungen und Gespräche nach, die in der letzten pandemischen Spielzeit nicht stattfinden konnten. Wie ist es Körpern ergangen, wie haben sie auf verwaisten Bühnen agiert? Fünf Hamburger Choreograf*innen zeigen die Filmformate, die sie in den vergangenen Monaten auf Kampnagel alternativ zu den geplanten Bühnenpremieren entwickelt haben und freuen sich auf Feedback in echter Begegnung statt im digitalen Raum. Jenny Beyer, Josep Caballero Garcia, Patricia Carolin Mai, Antje Pfundtner in Gesellschaft und Ursina Tossi sind am 25. und 26. September vor Ort im Alabama Kino, um mit Zuschauer*innen und Kolleg*innen über ihre Projekte zu diskutieren. 

PATRICIA CAROLIN MAI
WAHN / Der Film

Samstag, 25.9.2021, 13.30

Eigentlich hatte Patricia Carolin Mai mit ihrer langjährigen Recherche über Körper in Extremzuständen abgeschlossen. Nach zwei aufeinander folgenden Stücken - Ersteres mit 70 Menschen auf der Bühne, während Zweiteres den kahlen Weg des Solos einschlug - sollte sich der Blick der Hamburger Choreografin diesmal auf die kulturellen Zu- und Einschreibungen menschlicher Körper fokussieren. Für die Auseinandersetzung mit der Geschichte exponierter Körper wählten Patricia Carolin Mai und Team diesmal nicht die Bühnen Kampnagels und K3, sondern das Museum MARKK - Kulturen und Künste der Welt. Denn, wenn Patrica Carolin Mai nicht selbst tanzt, richtet sich ihr Interesse auf Menschen, die nicht in den Performing Arts tätig sind und demnach andere Fragen an körperliche Repräsentationsmechanismen mitbringen. Aus diesem Projekt wurde nun kein Stück, sondern im Mai 2021 ein Film mit 17 tanzbegeisterten Menschen, die bereits seit 3 Jahren mit Patricia Carolin Mai arbeiten. Menschen, die den Blick auf ihren pandemiebedingten Rückzug richten: Was bleibt von einem sich bewegenden Körper, wenn er sich nicht mehr auf andere bezieht, nicht mehr auf sie zugeht, sich ihnen nicht mehr aussetzt?
Dieser Film ist die 17fache Erinnerung an Körper aus vergangenen Menschenmengen. Es erinnern: Andrea Sander, Charlotte Höflich, Christina Rohde, Cina Mael Bockstahler, David Mauer, Dorothea Derksen, Evelina Dineva, Katharina Stier, Kora Hamm, Lisa Dilger, Louise Biehl, Melanie Schorsch, Nadine Kribbe, Norbert Dorow, Ronja Lüdemann, Sina Luig, Susanne Wehowsky.
Im Juni 2021 choreografierte Patricia Carolin Mai für den Ringlockschuppen Ruhr in Mülheim eine hybride Bühneninstallation von WAHN, die den Film mit vereinzelten Live-Tänzer*innen auf der Bühne zusammenbringt. 

 

URSINA TOSSI
REVENANTs

Samstag, 25.9.2021, 15.00

Klimakrise, Pandemie, die Bedrohung von Rechts, die Spaltung der Gesellschaft und die Zerstörung unserer materiellen Lebensbedingungen - all das, was bisher hauptsächlich im Globalen Süden oder in der Vergangenheit verortet wurde, findet plötzlich hier – bei uns statt. Wir bewegen uns auf schwankenden Böden, die Zeit gerät aus den Fugen. Was virtuell war, wird virulent, was Erzählung war, wird Realität. Wie steht es mit der Verantwortung für das, was geschieht und geschah? Es gibt keine lineare Geschichte mehr, es gibt nur unzählige Geschichten oder keine. Wir sind umgeben von Widergänger*innen und Unsichtbaren, Vergessenen, Untoten und Antiheld*innen, die in keiner Chronik auftauchen, denn die Geschichte erzählen die Sieger*innen. In REVENANTS widmet sich die Hamburger Choreografin Ursina Tossi den Gespenstern der Geschichte(n), die eine Politik der Emanzipation und Kritik beflügeln. Sie kommen aus der Zukunft, um die Vergangenheit zu ändern. Sechs Tänzerinnen wecken die Gespenster aus Geschichte(n) und (Pop)Kultur. Sie finden neue feministische Erzählungen für deren Konflikte mit dem Patriarchat und den kapitalistischen Macht-Verhältnissen und suchen nach Formen der Rückkehr vergessener Ereignisse im poetisch gruseligen Sinn eines Fluchs, den sie kritisch, aktuell, elektrisierend, schauerlich aber auch erotisch-humorvoll vertanzen. REVENANTS reflektiert den Prozess des Archivierens als körperlichen-, lebendigen Erinnerungsprozess, der sich mal wie ein Traum, mal wie ein Trip anfühlt. Die gefilmte Bühne wird zum Hades, zur mise en scene eines SciFi, zur pulsierenden Gebärmutter und zur Raumkapsel.

 

JOSEP CABALLERO GARCÍA / QUEERPRAXIS:
WHO'S AFRAID OF RAIMUNDA / Filmfassung

Samstag, 25.9.2021, 16.30

WHO ́S AFRAID OF RAIMUNDA von Josep Caballero Garcìa ist ein zweiteiliges Projekt über queere Ikonografien: Es ist zum Einen ein Bühnenstück, welches am 22.10.2021 kurz vor Lockdown in Kampnagel Hamburg uraufgeführt wurde und zum Zweiten ist es ein Film über zeitgenössische Körper in verwaisten, pandemischen Räumen. Die Arbeit zu WHO ́S AFRAID OF RAIMUNDA begann einst mit der Erforschung eines Kapitels aus der mittelalterlichem iberischen Geschichte – einer Zeit, in der die Pluralität von Kulturen und Geschlechtern geduldet wurde, bevor die Christen 1492 die Halbinsel wieder eroberten und die Juden aus Granada auswiesen. Zuvor hatten über mehreren Jahrhunderte hinweg drei unterschiedliche Kulturen und Religionen zusammengelebt; Al-Andalus, Juden und Christen, die zusammen ein außergewöhnliches kulturelles Hybrid bildeten. Nicht nur Kulturen kreuzten sich, sondern auch sexuelle Praktiken. Zahlreiche Texte und Gedichte aus der Zeit beschreiben ein queeres, hedonistisches Iberia und zugleich auch den Kampf gegen die andalusische und jüdische Homosexualität aus der Zeit der christlichen Wiedereroberung. Zu Beginn der Stückrecherche lasen sich die Texte aus der jüdischen, arabischen und christlichen Literatur des iberischen Mittelalters noch als eine mögliche Utopie, erwiesen sich allerdings als ein zwar homosexuelles, aber nicht minder patriarchales Beziehungskonzept, in dem Frauen nicht vorkommen. Darum ist Garcías Projekt „Raimunda“ gewidmet - wer auch immer Raimunda ist. Als allegorische Figur steht sie für verborgene, unsichtbare, vom Patriarchat oder von anderen Machtgefügen in den Schatten gestellte Identitäten und verkörpert den lustvollen Widerstand gegen repressive Macht- und Ausgrenzungsmechanismen.

 

 

ANTJE PFUNDTNER IN GESELLSCHAFT
WE CALL IT A HOUSE

Sonntag, 26.9.2021, 13.30

„We Call it a House“ wurde am 20. Mai 2021 als Stream uraufgeführt und auch mit dieser neuen Arbeit schöpft Antje Pfundtner in Gesellschaft aus Fragen, die mit anderen Künstler:innen und probenbesuchenden Gästen jeden Alters geteilt und diskutiert wurden. Nach Fragen aus vorangegangenen Stücken wie „Was wirst Du nicht genug gefragt?“ und „Wofür stehst Du auf?“ hat Antje Pfundtner in Gesellschaft diesmal Antworten zu: „Wozu brauchst Du die Anderen?“ gesammelt. Es begann mit dem Interesse, sich zu fragen, wem die Bühne gehört, wer dort hinkommt, wie man sie sich teilt, was man dort gemeinsam verhandelt. Geplant waren viele Andere, die dahin kommen sollten, um sich Platz, Zeit, Interessen und Vorhaben zu teilen. Das mit den vielen Menschen an einem Ort kam anders. Übrig blieben Drei: Von nun an teilten sie sich eine Bühne und ein darauf stehendes Objekt, sie nannten es ein Haus. Darin orientierten sie sich neu und änderten ihre Meinungen: in Bezug auf Theater, auf sich als ein Wir, auf das, was sie tun, auf das unsichtbare Publikum. Ihnen wurde klar, dass WE CALL IT A HOUSE nur noch eine Zuschauerin habe würde – sie nannten sie Kamera. Was die Drei seitdem im Haus tun, ist kein Film, aber sie nennen es Film, denn es ist auch kein Stück. Was sie darüber hinaus noch tun: Sie vergewissern sich ihrer selbst, ob allein oder im Beisein der Anderen, sie brauchen und rufen einander, um darüber zu reden, ob Versprechen womöglich Perspektiven oder Bindung garantieren. Denn: „Wir wissen es ja: Wir brauchen die anderen. Trotzdem schön, sich dessen noch einmal durch ein so eindringliches Tanzstück zu vergewissern.“ Annette Stiekele, Hamburger Abendblatt

 

JENNY BEYER
DEUX: Nothing is direct, indirectness is haunting us.

Sonntag, 26.9.2021, 15.00

Am 07. April 2021 wurde DEUX auf Kampnagel Hamburg und zeitgleich in DansiT in Trondheim (Norwegen) online uraufgeführt und gefilmt. DEUX fokussiert das Zusammentreffen zweier Menschen als intimes und zugleich prekäres Unterfangen. Das von der Pandemie auferlegte Gebot der räumlichen Distanz wird dabei zum Spielfeld dreier Pas de Deux, in denen die Tänzer*innen Nina Wollny, Chris Leuenberger und Jenny Beyer sich mittels Videokonferenz in wechselnden Konstellationen zum Tanz auffordern. Sie begegnen einander in einem Raum, der (noch) kein geteilter ist. Wie nehmen sie das Angebot zusammenzukommen an? Behutsam testet DEUX die Möglichkeiten, die die Arbeit in Distanz eröffnet. Wenn die räumliche Zusammenkunft entfällt, wird die Suche nach Verbundenheit sichtbarer denn je. Wofür brauchen wir einander? Was bedeutet Nähe jetzt gerade? Was ist der Wert des leeren Raumes zwischen uns? Die Duettpartner*innen sind aufgefordert, solistisches Dasein zu teilen und neue Formen der Orientierung miteinander zu finden. Eine andere Bühne entsteht, von der wir noch nicht wissen – weder Performer*innen noch Zuschauer:innen –, wer wir darauf sein werden. DEUX ist eine hybride Inszenierung, die zeitgleich auf Kampnagel in Hamburg, bei DansiT in Trondheim und online uraufgeführt wird. Das Stück entstand als zweiter Teil einer Trilogie, in der Jenny Beyer und Team die klassischen Tanzformate, nämlich Solo, Pas de Deux und Corps de Ballet auf ihre Begegnungsmomente hin befragten. DEUX ist im Rahmen des Probenformates OFFENES STUDIO im engen Austausch mit räumlich präsentem und digitalem Publikum entstanden. Darin bieten Jenny Beyer und Team Bewegungsmaterial als einen Impuls an, um Reflexionen und Themen mit Zuschauer:innen zu teilen und durch das Miteinander neue Formen der Begegnung zu entwickeln.

 


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