Theater, Performance und Tanz in Hamburg - Kampnagel

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LIVE ART FESTIVAL 2013
KONGRESS:

Occupy Species - Die explodierte Universität

Theorie
  • Fr, 14.06.2013 11:00
    Kampnagel Internationales Zentrum für schönere Künste
  • Sa, 15.06.2013 11:00
    Kampnagel Internationales Zentrum für schönere Künste

Der Wiener Philosoph und Kunst-Attentäter Fahim Amir lädt internationale Positionen zum gegenseitigen Schlagabtausch an der temporär installierten EXPLODIERTEN UNIVERSITÄT ein. Für zwei Tage üben sich VertreterInnen der Animal Studies in der Kritik der politischen Zoologie. Die Riege der sich hier versammelnden Denker, Forscher und Aktivisten reicht von Disziplinen wie Philosophie, Insektenkunde und Literaturwissenschaft über African Diaspora Studies zu Queer Theorie und Soziologie. Mit Tieren lässt sich gut denken, meinte einst der Anthropologe Claude Lévi-Strauss. Die EXPLODIERTE UNIVERSITÄT legt noch einen drauf: Nur mit Tieren lässt sich gut politisch denken. Die EXPLODIERTE UNIVERSITÄT bringt akademische Routinen zum Stottern und die Möglichkeiten des Theaters gegen das Sinnlichkeitsregime traditioneller Bildungseinrichtungen in Stellung.


Programm

Freitag, 14.06.

11:00 - 13:00


Gorillas am Hebel: Die Tiergeister des Kapitals

In keiner zeitgeschichtlichen Epoche wurden so viele Tiere getötet und auf so elende Weise gehalten, wie seit Beginn des Kapitalismus. Fakt. Vom Philosophen Adorno ist dazu das Diktum überliefert, dass Marx den Tieren nicht einmal vergönnt hätte, ausgebeutet zu werden. Mit und gegen Marx wird hier das Gegenteil in Angriff genommen: Denn Tiere sind nicht nur Objekte menschlicher Zurichtung, sondern auch Subjekte, deren Geschichte und Kampfformen mit denen der Menschen auf zahllose Weisen verbunden sind. In Solidarität mit der Dekolonisierung des Denkens geht es hier um nichts weniger als ihre posthumanistische Fortsetzung: die Provinzialisierung des Menschen. Während beispielsweise der australische Theoretiker DINESH WADIWEL in Hamburg argumentieren wird, dass moderne Souveränität soviel mit Macht wie mit Widerstand zu tun hat, geht der Wiener Philosoph FAHIM AMIR der These von Tieren als Teil der Arbeiterklasse nach und ALASTAIR HUNT analysiert, wie die Revolten eigene ästhetische Dimension zu einer Erschütterung des menschlichen Monopols auf politische Subjektivität führt.

Dinesh Wadiwel, Sydney: The will to prefer life over death: Marx, Foucault and animal resistance to biopolitical commodification
 (Vortrag in englischer Sprache)
Fahim Amir, Wien: Zooperaismus: »Über den Tod hinaus leisteten die Schweine Widerstand…«

Alastair Hunt, Portland: We Are All Political Animals (Vortrag in englischer Sprache)

Pause

ab 14:00

Learning from… Körper, Arbeit, Affekte: The House of (No)-Pain: Un/geteiltes Leid

Tiere dienten immer schon als Lerntafel: Von der klassischen Tierfabel bis zu Tierversuchen im medizinisch-industriellen Komplex. Zugleich lösen ihr Körper und ihr Verhalten Gefühle aus. Diesen Beziehungen geht dieser Themenblock nach: HELENA PEDERSEN stellt eine posthumanistische Analyse der Ausbildung von Tierärztinnen vor und zeigt wie in der als »harte« Naturwissenschaft geltenden Veterinärmedizin körperliche und sinnliche Affekte mobilisiert werden. Kerstin Weich, die selbst in der Fort- und Weiterbildung von Tierärzten tätig ist, untersucht aktuelle Veränderungen des guten Tötens, wenn beispielsweise Tierarztpraxen Sterbezimmer einrichten und sich die Familie von ihrem Haustier verabschiedet. In die Vergangenheit blickt KIM SOCHA bei ihrer Gegenüberstellung von Avantgarde-Performances und Tier-Aktivismus im Hinblick auf den Einsatz erotisierter weiblicher Körper. ZAKIYYAH JACKSON hingegen blickt in die Zukunft, genauer gesagt in die Arbeit der feministischen schwarzen Science Fiktion Autorin Octavian Butler, bei der die Peruanische »Bremse«, ein kleiner Parasit, als Verbindungsglied zwischen Tier und Insekt und zugleich als Kritik an eurozentristischen Phantasien auftaucht.

Helene Pedersen, Malmö: The pedagogical phenomenology of parasitism: Human/animal affect in veterinary education (Vortrag in englischer Sprache)
Kerstin Weich, Wien: Vom guten Töten: Zur Innenarchitektur des Einschläfern

Kurze Pause

Zakiyyah Iman Jackson, Charlotteville: The Future is a Parasite: Inter-species Host(ility) and Embodied Subjectivity in Octavia E. Butler’s Bloodchild (Vortrag in englischer Sprache)

Kim Socha, New York: Body Bartering: Women, Animals, and Performative Perimeters (Vortrag in englischer Sprache)

Im Anschluss Diskussion mit Martin Nachbar, Berlin
 



Samstag, 15.06.

11:00 - 13:15


Das Tier so queer oder Can Your Pussy Do the Dog?

Galten Tiere lange Zeit als plausibelste Beispiele und Beweise für die »natürliche« Ordnung der Geschlechter, erzeugen schwule Pinguine und vielgeschlechtliche Organismen mittlerweile immer mehr Erklärungsbedarf. Die Vorträge dieses Themenabschnitts gehen der Frage nach der Beziehung zwischen Queerness und dem Denken über Tiere nach. So untersucht JUDITH HALBERSTAM das Verhältnis zwischen Tieren und Anarchismus bei Vorstellungen des Wilden und CARMEN DELL'AVERSANO stellt Beziehungen zwischen der deutschen Philosophie der Romantik und heutigen Queer-Diskursen her.

Judith »Jack« Halberstam, Los Angeles: The Wild: Humans, Animals, Anarchy (Vortrag in englischer Sprache)
Carmen Dell'Aversano, Pisa: »Queerer than we can imagine«. Animal rights as the test case for queer ethics and politics (Vortrag in englischer Sprache)
Im Anschluss Diskussion mit Antonia Baehr, Berlin

kurze Pause

13:30 - 15:00

Das Andere der Tiere I: Insekten

Wenn es in den Animal Studies heißt, dass das Tier in der Moderne als das »Andere« des Menschen konzipiert worden ist, stellt sich die Frage, ob nicht Insekten als das »Andere« der Tiere firmieren. DIE EXPLODIERTE UNIVERSITÄT reißt sie exemplarisch aus dem Schattendasein, das sie auch in den Animal Studies fristen: Als oftmals ent-individualisierte Akteure einer anderen Ordnung nehmen sie eine Zwischenposition ein, die Technologien, Systeme und Medien mitunter näher zu stehen scheint als anderen Tieren, wie JUSSI PARIKKA zeigt. WERNER PIEPER führt wiederum in die Welt der verzaubernden, giftkillenden und sexbesessenen Lichtwesen ein – der Leuchtkäfer. Zum anderen handelt es sich bei den Animal Studies selbst um ein Projekt von den »Anderen« der Tiere: den Menschen. So stellt sich die Frage, nach den Entwicklungen, Perspektiven und Herausforderungen dieses Feldes, zwischen trendiger Mode, ersehnter Systemintegration in den Universitätsbetrieb und radikalem Begehren nach Transformation der Verhältnisse. Dazu sprechen an einem Roundtable deutsche und internationale VertreterInnen dieses Fachs.

Jussi Parikka, Turkuu: Insect Media, Animal Theory
Werner Pieper, Heidelberg: Unsere (ver-)wunderlichen, verzaubernden, giftkillenden und sexbesessenen Lichtwesen

Pause

16:00 - 18:00

What (if anything) can justify animal studies?

Round Table: Diskussion

Vasile Stanescu, Stanford: New Weapons: Biopolitics, Direct Action, and the Myth of Consent
Vertreter von Human-Animal Studies Berlin/Critical Animal Studies Series

ab 18:00

Transspezies-Solidarität in einer post/kolonialen Welt

Tiere spielten sowohl für die reale Durchsetzung des Kolonialismus als ökonomischer und politischer Praxis als auch für die ideelle Ermächtigung des Rassismus eine zentrale Rolle. Seine Erben und Wiedergänger mischen sich auch heute unter uns: Gruppen, die nicht der Mehrheitsbevölkerung angehören, wird in vielen westlichen Ländern unterstellt, zu Tieren besonders grausam zu sein oder überhaupt die falschen Tiere zu essen. Die Romantisierung des Mensch-Tier-Verhältnisses bei sogenannten »UreinwohnerInnen« wirkt dabei nur wie die andere Seite derselben kultur-rassistischen Medaille.
Das LIVE ART FESTIVAL dreht den Spieß um und stellt beispielgebende Theorien und Praktiken aus postkolonialen Welten vor: So findet die Ibero-Romanistin CLAUDIA LEITNER beim argentinischen Schriftsteller und Intellektuellen Julio Cortázar ein »Aal-Werden, Bild-Werden, Migrant-Werden«, das die radikalsten europäischen Philosophien vorwegnimmt. NADIA FARAGE hingegen arbeitet heraus, wie die Vertreibung der Hunde von den Straßen Rio de Janeiros zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auf Widerstand von ArbeiterInnen und Slumbewohnern stieß.

Claudia Leitner, Wien: Aal-Werden, Bild-Werden, Migrant-Werden: Julio Cortázar reprogrammiert Literatur und Leben (1972)

Nadia Farage, Sao Paulo: No Collar, No Master: Workers and Animals in the Modernization of Rio de Janeiro (Vortrag in englischer Sprache)
 


Gefördert von A Space for Live Art, GD Bildung und Kultur - Programm "Kultur" und der Kulturstiftung des Bundes.


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