Theater, Performance und Tanz in Hamburg - Kampnagel

Internationales Sommerfestival 2018

 
  • © The Laboratory of Manuel Bürger

08.-26.08.2018 

UAHHH! Editorial

»Theaterrequisiten« nennt die Philosophin Wendy Brown die neuen Grenz-Zäune und Mauern, die von politischen Angsteinflößer*innen herbei gewutredet – und leider auch real gebaut – werden.

Denn weder die Klimakatastrophe noch der globale Handel und Datenfluss halten sich an Grenzkontrollen. Selbst ernannte »Heimat«-Milizen verteidigen so die Vergangenheit gegen eine Gegenwart, in der die Menschen schon längst in globalen Zusammenhängen leben und Gemeinschaften bilden, denen Grenzen oft keine Grenzen setzen können. VROOUUM! Willkommen in der postnationalen Realität – und willkommen zurück im Sommerfestival, dem Spezialisten für alle Arten von Grenzüberschreitungen. BTOOM! Dieses Festival arbeitet mit vielen Künstler*innen zusammen, deren Stücke eins gemeinsam haben: Sie entstehen als Zusammenarbeiten auf Augenhöhe (oft im Team oder mit anderen Künsten), sind gegenwartswach und weltgewandt, überschreiten Grenzen zu anderen Medien, Ländern und Kulturen – und verströmen dabei transgressive Lust. Mit unserer postnationalen Realität beschäftigt sich im Programm nicht nur die Konferenz HEIMATPHANTASIEN, die einen kritischen Blick auf die aktuellen Diskurse um »Heimat« und die Welt-Aufteilung in Nationalstaaten wirft, oder die berührenden Lecture Performance des südkoreanischen Künstlers Jaha Koo mit sprechenden Reiskochern, sondern auch eine Ausstellung und eine Uraufführung zur Festivaleröffnung von Ho Tzu Nyen. Der Künstler aus Singapur ist ein Meister des mehrschichtigen Erzählens und arbeitet seit einigen Jahren an einem kritischen Lexikon aus Bildern, Tönen und Texten für den Südostasiatischen Raum. Auf Kampnagel zeigt er eine neue Bühnenarbeit über den Triple-Agenten Lai Teck, und parallel eröffnet seine Einzelausstellung als Kooperation mit dem Kunstverein in Hamburg.

POINGGG! 
Wie man mit großer Sprungkraft politische, ästhetische und Genre-Gräben überwindet, zeigt auch unser – um es vorsichtig zu sagen – Großereignis zur Eröffnung am 8. August: Die Malpaso Dance Company aus Havanna kommt zum ersten Mal nach Europa mit brillanten Choreografien von der Ballett Neudenkerin Aszure Barton und dem Malpaso-Gründer Osnel Delgado – live begleitet vom Grammy-prämierten Pianisten Arturo O’Farrill mit Oktett (im Anschluss gibt O’Farrill auch noch sein Elbphilharmonie Debut, als eines von vier Kooperationskonzerten mit dem Konzerthauswunder am Hafen: Get Well Soon, Shara Nova mit dem Aarhus Symfoniorkester und Mouse on Mars kommen auch). Und um die ganze stilistische Breite der grandiosen Malpaso-Company zu zeigen, gibt es als dritten Teil des Eröffnungsabends eine Sommerfestival-Uraufführung der Tanz-Erfrischerin Cecilia Bengolea!

So geht Komplettsanierung der alten Tante Tanz
durch Popkultur BTOOM! – und wie kongenial Beats mit Bewegung zusammengehen, zeigt in der dritten Festivalwoche auch die neue Arbeit der Company des Royal Ballet- Choreografen Wayne McGregor: AUTOBIOGRAPHY ist ein »überwältigendes Tanzmosaik« (SZ) zur Musik des elektronischen Sample-Wunders Jlin. Der Ursprung ihrer Beats in der Club-Musik ist spürbar.

FTTTTTP! Noch tiefer
in den ekstatischen Feierkosmos der Nacht dringt die Choreografin Gisèle Vienne ein: In der ersten Festivalwoche zeigt sie ein atemraubendes, im Vorfeld ebenfalls stark bejubeltes, Tanz-Kunstwerk über eine feiernde CROWD zwischen Hier und Jenseits. Ja, es ist nur ein kleiner Tanzschritt von der Ballettbühne in den Club beim Sommerfestival, denn wir sind Überzeugungstäter*innen; die Offenheit hin zu anderen Sprachen, Formen und Genres ist ebenso befreiend wie zukunftsweisend. Dazu gehört auch das gepflegte Ignorieren einer Einteilung der Welt in Hochkultur und marginalisierte Kunstformen.

Besonders überwältigend ist das ab dem 15.08. zu erleben mit der Amerikanerin Elizabeth Streb, die Post Modern Dance und halsbrecherische Akrobatik als »Extreme Action« zusammenbringt: große Halle-Bühnenspektakel für alle! Streb hat in New York Tanz immer auch mit Community-Arbeit verbunden, und was auf den Straßen und in Vorstadt-Clubs dieser Welt für wahnsinnige Tanz-Stile entstehen, zeigt das junge französische Kunst-Kollektiv (LA)HORDE: TO DA BONE versammelt in einer großen Bühnenchoreografie junge Jump-Styler aus verschiedenen Ländern, deren hochenergetischer, schweißtreibender Stil zuerst als Internet-Phänomen groß werden musste, bevor auch die offizielle Tanz-Welt staunte (dazu passend auch unser Gabber Club-Abend). (LA)HORDE stehen exemplarisch für viele Künstler*innen dieses Festivals, für die kollektives Arbeiten zeitgemäß und extrem produktiv ist und künstlerisch zu aufregenden Ergebnissen führt.

Auf dem Weg dahin sind auch zwei
weitere Uraufführungen: WHUUNG! KÖNIG DER MÖWEN ist ein Hamburg-Musical von Dada-Pop-Star Andreas Dorau, Autor Gereon Klug und Regisseur Patrick Wengenroth (inkl. Star-Besetzung), und die Hamburger Pop-Kunst-Band Kante trifft im HAUS DER HERABFALLENDEN KNOCHEN auf die südafrikanische Khoi Khonnexion – ein aufwendiges Stück Musiktheater mit vielen Beteiligten, darunter die Theatertreffen-prämierte Anta Helena Recke.

Fast schon zu den Theatertreffen-Stammgästen gehört auch der Schweizer Theaterkünstler Thom Luz, ein Meister des Bühnen-Nebels und der musikalischen Theatersprache, dessen neuesten Theaterabend wir als Deutschlandpremiere zeigen. Das Spiel mit der Musik, nicht unwesentlich im gesamten Festival, treibt Luz schon vorher auf eine erhabene Spitze und installiert in der St. Gertrud Kirche eine riesige Nebel Installation, zu der die zwei Jazz-Überflieger und Kampnagel-Lieblingsmusiker Tobias Preisig und Stefan Rusconi eine dreistündige Musikperformance mit Kirchenorgel und Geige entwerfen. Weiter schweben geht dann nur noch mit dem legendären Sun Ra Arkestra vom Planeten Saturn.

Alles Kunst, die auf Entgrenzung setzt und Gegenwelten aufbaut, wofür auch die Belgierin (und Sommerfestival-Ikone) Miet Warlop steht, die mit BIG BEARS CRY TOO ein anarchisches Kunst-Theater für Menschen ab sechs auf die Bühne gebracht hat, das unbedingt auch Erwachsenen zu empfehlen ist. Das gilt auch für die neueste Produktion von Rimini Protokoll, die an fast jedem Festivalabend mit 50 Zuschauer*innen auf einem umgebauten Truck unter der Leitung und Perspektive von zwei jugendlichen Expert*innen durch und in die Stadt fahren – mit Musik von Barbara Morgenstern (die mit Label-Kollegin und HfBK-Professorin Michaela Melián am 22.08. auch ein Doppelkonzert spielt). 

Gute Leser*innen merken an dieser Stelle, dass wir Kunst von einer ästhetischen Seite aus betrachten, auf der Suche nach Grenzüberschreitung und Eskapaden, besonders virtuos zu erleben in Florentina Holzingers Puls hochtreibendem Female-Empowerment-Stück APOLLON – übrigens ein Stück das auch ehemaligen Denkern wie Peter Sloterdijk zu empfehlen ist, die eine neopuritanische Grundstimmung als Folge von #MeToo beklagen. Ja, APOLLON und viele Produktionen dieses Festivals sind mit Action geladen – unser Heft-Cover des Designers Manuel Bürger ist kein leeres Versprechen! Wahlweise können Sie uns als Tanz- oder Theaterfestival mit vielen Übergängen zur Bildenden Kunst und Theorie betrachten – vor allem aber sind wir alles auf einmal, und dazu tönt es noch überall, wie die Schweizer sagen. WHUMP! An jedem Abend gibt es Konzerte mit vielen Verbindungen zum Performance-Programm, darunter eine Uraufführung von Pantha Du Prince, das Heimspiel von Blumfeld, die HipHop-Erfinder The Last Poets (mit ihrem 50-jährigen Bühnenjubiläum, erfrischendes wie Dope Saint Jude aus Südafrika, Parties und und und.

Wer uns besser kennt, weiß: kein Festival ohne den kanadischen Energiebolzen Josh »Socalled« Dolgin, der mit dem Kaiser Quartett einen jiddischen Liederabend zum Allerbesten geben wird. Das Herz und Auffangbecken des Festivals ist auch dieses Jahr das preisgekrönte Migrantpolitan (allabendlich bespielt von Anas Aboura und vielen Mitstreiter*innen) und der Avant-Garten, gestaltet von einem Team um den musizierenden Landschaftsarchitekten Jan Gazarra, belebt u.a. von den JAJAJAs und grundversorgt durch unsere Freunde vom Restaurant Peacetanbul. 

ZWOSSH! Das Kopf-Schwirren beim Lesen bis hier ist beabsichtigt, ebenso der Glückszustand im Flow dieses Festivals, das mit neun Welt-, Europa- und Deutschlandpremieren, vier Konzert-Uraufführungen und ca. 50 unterschiedlichen Programmpunkten eine künstlerische, logistische und (vor allem) finanzielle Herausforderung ist, die nur mit einem euphorischen Team und vielen privaten und institutionellen Unterstützer*innen möglich wird, die unsere Lust auf diesen Festival-Wahnsinn vorab geteilt haben. 


Danke! Und jetzt Sie: Kommt und seid viele!

Bis gleich,
András Siebold & das Sommerfestival-Team

   

PROGRAMMHEFT

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