Theater, Performance und Tanz in Hamburg - Kampnagel

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Fokus Tanz #7 Dancing Screen
Trisha Brown / Lucinda Childs / Claire Cunningham / Sonya Lindfors / William Forsythe / Adam Linder:

Hall of Videodances Part 2: No Camera Trick

 
Digital / Tanz
  • Die jeweiligen Video-Tänze werden hier kostenlos verfügbar und bis 07. März abrufbar sein. Mit dem Ticketlink können Sie ein freiwilliges Festival-Ticket für 5, 10, 20 oder 30 Euro kaufen.

  • Mi, 03.03.2021 24H [Online]
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  • Do, 04.03.2021 24H [Online]
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  • Fr, 05.03.2021 24H [Online]
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  • Sa, 06.03.2021 24H [Online]
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  • So, 07.03.2021 24H [Online]
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Der Begriff Videotanz etablierte sich im westlichen, zeitgenössischen Tanz der 1980-er Jahren, um Arbeiten zu beschreiben, die nicht für die Bühne gemacht, sondern mit der damals neuen Videotechnik explizit für die Kamera produziert wurden. Zahlreiche Choreograf:innen hatten bereits davor viele Experimente mit der Kamera gewagt, wie Maya Deren zum Beispiel. Später wurde der amerikanische Choreograf Merce Cunningham einer der prägenden Choreograf*innen dieses neu entstehenden Genres. Gemeinsame Techniken des Films und des Tanzes, wie Montage, Rhythmus und Tempo bilden die Grundlage für Formen des Videotanzes, die andere Perspektiven auf den Tanz eröffnen und auch neu definieren, wo er stattfindet und wie er vermittelt. Vor dem Hintergrund der allgemeinen Demokratisierung durch digitale und soziale Medien und letztlich auch in Corona-Zeiten, in denen Choreograf:innen nach neuen hybriden Formaten für den Tanz suchen, hat sich der Videotanz durch CGI-Technik oder Mittel der Augmented Reality, die auf der Bühne nicht zur Verfügung stehen, ästhetisch wie politisch weiterentwickelt. Seit den ersten Experimentalfilmen bis heute hat die Synthese von Tanz und Film in einer Vielzahl unterschiedlicher Formate Ausdruck gefunden und dem zeitgenössischen Tanz nicht zuletzt auch zu Popularität verholfen. Der als Video existierende Tanz stellt außerdem Fragen nach Reproduktion, Autor*innenschaft, Eigentumsrechten an Choreografien, kultureller Aneignung und der Politisierung von Tanz.

Der FOKUS TANZ #7 stellt bereits existierende und für das Festival neu produzierte Videotänze gegenüber und lässt sie miteinander in Schwingung treten.

NO CAMERA TRICKS

Ob Dehnung und Beschleunigung der Zeit, Nahaufnahme, raffinierter Schnitt, Splitscreen, VFX oder Vogelperspektive - das Medium Film hält viele Tricks bereit, die als Teil der Choreografie den Tanz erweitern, und ihm Möglichkeiten öffnen, die die Bühne nicht bieten kann. Durch das Zusammenspiel dieses ästhetischen Dialogs eröffnen sich auch andere Möglichkeiten der Kommunikation mit der*dem Zuschauer*in.

Trisha Brown/ Babette Mangolte: Water Motor (1978)

WATER MOTOR ist ein stummer schwarz-weiß Film von Babette Mangolte, der im Jahr 1978, als die Choreografie von Trisha Brown entwickelt wurde, gedreht wurde. Er zeigt zwei Aufnahmen der gleichnamigen Solo-Performance der Tänzerin und Choreografin Trisha Brown - ein ikonisches Tanzstück aus ihrem Frühwerk. Beide Künstler kannten sich bereits seit mehreren Jahren. Babette Mangolte mietete 1978 das Merce Cunningham Studio, um Trisha Browns Tanz WATER MOTOR zu filmen. Jede Einstellung des Tanzes wurde mit einer langen Pause vor dem Beginn des Tanzes begonnen und einer langen Pause nach dem Ende des Tanzes beendet, so dass Trisha völlig unbewegt war, bevor sie anfing und nachdem sie die Bewegung beendet hatte, was eine Einblendung und eine Ausblendung zu schwarz ermöglichte. Der Film ist mehr als zwei Takes der zweieinhalbminütigen Choreografie - denn der zweite Take wurde in Zeitlupe gefilmt, mit 48 Bildern pro Sekunde, mit einem Gespür für die Kompliziertheit der Bewegungen. Dank des filmischen Tricks wird die energiegeladene, fließende Choreografie in ihrer ganzen Komplexität erkennbar, gewinnt gleichzeitig an Lyrik und tritt in Dialog mit sich selbst.

Lucinda Childs: CALICO MINGLING (1973)

In CALICO MINGLING verbinden sich zwei künstlerische Handschiften zu einem hypnotisierenden zehnminütigen Videokunstwerk: Lucinda Childs wandte sich nach ihren Solo-Arbeiten der 60er Jahre sowie der Beschäftigung mit Objekten des Alltags nun, zu Beginn der 70er, der Arbeit mit Gruppenformationen, mit komplexen geometrischen Abläufen in scheinbar einfachen choreografischen Mustern zu – noch bevor sie sich mit dem minimalistischen Stück DANCE 1979 endgültig in die Tanzgeschichte einschrieb. Die französische Filmemacherin Babette Mangolte schlug Anfang der 70er in New York auf, frustriert über die männerdominierte französische Filmszene und fasziniert von der Spannung zwischen Bewegung und Bewegungslosigkeit. Schnell fanden Figuren des experimentelle New Yorker Performance-Milieus und Mangolte zu einer künstlerischen Symbiose. CALICO MINGLING, gefilmt auf der Robert Moses Plaza der Fordham University, zeigt vier Tänzerinnen in unablässiger Schritt-Bewegung. Mal aus der Entfernung, mal aus der Vogelperspektive gefilmt, entfaltet die „hartkantig konzentrierte Unempfindlichkeit“ (Jill Johnston) ihre ganz eigene Dringlichkeit.

Sonya Lindfors / Esete Sutinen: Journey (2020)

JOURNEY ist der Traum eines Weges. Ein Blick in die vielfältigen diasporischen Pfade, verlorene und gefundene. In dem Video durchreist die Tänzerin Esete Sutinen unterschiedliche Stadien, balancierend zwischen Vergangenheit und Zukunft. Unsicherheit, Loslassen – und dann öffnet sich eine neue Richtung.

Sonya Lindfors ist Choreografin, die auch Prozesse der Community-Organisation und Ausbildung arbeitet. Sie hat 2013 einen Master in Choreografie an der University of the Arts Helsinki absolviert, ist Mitgründerin und künstlerische Leiterin von UrbanApa, einer Community interdisziplinärer und kontra-hegemonischer Kunstpraxis, die eine Plattform für neue Diskurse und feministische künstlerische Praxis bietet. Esete Sutinen absolvierte 2005 einen Master in Tanz an der Theatre Academy of Helsinki. Sie arbeitete mit zahlreichen namhaften finnischen Choreograf*innen, wie Alpo Aaltokoski, Sonya Lindfors, Virva Talonen, Marjo Kuusela, Ervi Sirén, Tommi Kitti und Petri Kekoni.

Claire Cunningham: RESEMBLANCE (2014)

Eine Person in einem heruntergekommenen Gebäude, die eine Krücke zusammen- und wieder auseinanderbaut, mit der Routine, Präzision und Handfertigkeit eines Soldaten. Die britische Choreografin Claire Cunningham lädt uns ein, das konstruktive sowie das destruktive Potenzial innovativer Werkzeuge zu betrachten, die wir Menschen erfunden haben. Unheimlich und wirkmächtig ruft die Szene Assoziationen zeitgenössischer Konflikte hervor, weist aber auch auf Kämpfe hin, die noch vor uns liegen. Die Arbeit entstand als Beitrag einer fünfteiligen Serie von Filmen, die Perspektiven auf Krieg und Behinderung werfen. RESEMBLANCE erhielt den Award „Best Performance under 10 minutes“ beim Picture This… Film Festival 2014. Claire Cunningham war zuletzt im Februar 2020 mit ihrer Lecture-Performance 4 LEGS GOOD live auf Kampnagel zu sehen.

William Forsythe: Bookmaking (2008)

William Forsythe ist einer der wichtigsten Choreograf:innen unserer Zeit. Er revolutionierte das Ballett in seinem Selbst- und Formverständnis, durchbrach ästhetische Grenzen mit unvergesslichen zeitgenössischen Choreografien und hinterfragt bis heute organisatorische Grundprinzipien des Tanzes in den Bereichen Installation, Film und internetbasierte Wissensentwicklung. Es zeigt den Choreografen bei dem Versuch ein Buch mit seinem eigenen Körper zu drucken. In einem Raster von 12 kontrapunktisch geschnittenen Einzelbildern sieht man Forsythe bei diesem rudimentären und materialbasierten Akt.

Adam Linder: Prélude to descend   Festival Uraufführung (2021)

Der Choreograf Adam Linder plant derzeit ein neues Projekt mit fünf herausragenden Tänzer:innen, das das Vokabular und die Stellung des romantische Ballett heute neu denken wird. Als ausgebildeter und ehemaliger Balletttänzer sind Adam Linder die Sprache und Codes des klassischen Tanzes tief in die choreografische DNA gebrannt. Auf der Artikulation, Präzision und Koordination aufbauend, wird er die traditionelle Tanztechnik aus ihrem eurozentristische und heteronormativen Konzept befreien. Während der ersten Probenphase zu seiner neuen Arbeit entstand die Videostudie PRÉLUDE TO DESCEND, die versucht jenen Bruch und einhergehende Entstabilisierung, die die westliche kulturelle Gegenwart durchdringt, zu beschreiben. Linder setzt die technische und ästhetische Bandbreite von Steady Cam, VFX, dynamischer Bearbeitung und eine virtuosen postindustriellen Sound-Partitur ein, um hybridisierte Körper zu zeigen, die aus den Trümmern dieses Umbruchs früherer Ideale hervorgehen. Die Live-Performance wird zum Spielzeitauftakt 2021/22 auf Kampnagel gezeigt.


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